Jailbreak Mind

Fabien Prioville Dance Company

photo: Ursula Kaufmann
photo: Ursula Kaufmann

Ausgangspunkt des Solos von Fabien Prioville, ehemaliger Tänzer des Wuppertaler Tanztheater bei Pina Bausch und bei der kanadischen Kompanie La La La Human Steps, bildet die Recherche über einen jungen japanischen Amokläufer, der eine Gruppe von Menschen mit einem Messer tötete. Mit der Sogwirkung virtueller Welten in gewalttätigen Computerspielen wie „Grand Theft Auto“ spielend, fragt Fabien Prioville nach dem Einfluss von Killervideos bis zu Allmachtsfantasien und Realitätsverlust.


Gemeinsam mit dem Klang- und Medienkünstler Frank Schulte und dem Kölner VJ Uli Sigg lässt er suggestive Bilder von hoher Intensität entstehen, die uns - weit entfernt von moralischer und pädagogischer Bewertung - Perspektiven auf das Innere des Attentäters zu eröffnen scheinen.

Jailbreak Mind ist das erste abendfüllende Solo von Fabien Prioville, der nach seinem Tanzstudium u.a. mit Choreografen wie Josef Nadj oder Davis Freeman zusammenarbeitete. Die Inszenierung kam im September 2009 im tanzhaus nrw zur Uraufführung.

 

Jailbreak Mind wurde als eine von elf Produktionen zur Tanzplattform Deutschland 2010, dem bedeutendsten Forum des zeitgenössischen Tanzes aus Deutschland, eingeladen und gastierte sowohl in zahlreichen Festivals und Locations in Deutschland als auch in Ungarn, Frankreich, Indien, den Niederlande und Japan.

Konzept, Choreografie: Fabien Prioville
Komposition, Klang- und Medienregie: Frank Schulte
Videogestaltung: Uli Sigg
Licht: Tobias Heide

Eine Produktion von Fabien Prioville, koproduziert durch das tanzhaus nrw und Trafó, Budapest, im Rahmen von TEMPS D’IMAGES 2009. Gefördert durch die Kunststiftung NRW,
das NRW-Landesbüro freie Kultur und die Stiftung Van Meeteren.

 

 

Rezensionen

Mit der Bewegung des Körpers eine andere Welt zu behaupten, das machte sich das klassische Ballett einst zur Aufgabe. Die Fantasiewelt hier, im Jahr 2009, ist jener alten romantischen Märchenwelt gar nicht so fern. Es gibt böse und gute Figuren und die heldische Aufgabe, Schwierigkeiten zu überwinden. Baller-Videospiele sind ein supermodernes Phänomen mit archaischen Zügen. Dies nun wiederum per Tanz auf der Bühne darstellen zu wollen, ist ein Test. Kann Körperkunst das Irreale glaubhaft machen? Der Tänzer Fabien Prioville kann das.

In seiner ersten abendfüllenden Produktion, die heute im Tanzhaus NRW Premiere hat, entwickelt der einstige Pina-Bausch-Tänzer als sein eigener Choreograf aus dem Computerspiel "Grand Theft Auto JTA" ein Tanzstück mit Videoprojektionen und Musik: "Jailbreak mind". Es geht ihm um die gegenseitige Durchdringung der künstlichen und der Alltagswirklichkeit. Hier der einsame Spieler, dort die Kunstfigur auf dem Bildschirm, die er zum Ich erklärt. So sieht man den schlaksigen Prioville nun im grauen Anzug ruckartig den Arm heben, den Kopf drehen, die Schulter vorschieben, auf Knien rutschen. Mal fasst er suchend im Raum herum, mal drehen sich Füße und Hände um ihn selbst. Der Körper ruckelt, als bestünden die Bewegungen aus Pixeln.

Die Kreationen der Fantasie bringen auch Zerstörung hervor. Verschiedene Todesarten, die jenes nicht jugendfreie Computerspiel bietet, hat Video-Jockey Uli Sigg zusammengeschnitten. "Man muss etwas erreichen und wird belohnt, wenn man tötet", so erklärt Prioville die Spielregel. Gut sei, Schlechtes zu tun. Hundertmal kann man selber sterben. Was ist da noch ein Leben wert? "Seit 15 Jahren spiele ich Computerspiele", erläutert der Franzose, der nach eigenem Bekunden selbst schon mal kurz davor stand, sich darin zu verlieren. "Die Spiele werfen wichtige Fragen auf." Was gehen sie die Nicht-Spieler an? Die sollten sich sein Stück ansehen.

MELANIE SUCHY

 


60 Minuten lang tastet sich Prioville an die Persönlichkeit eines Menschen heran, der von mörderischen Gedanken überflutet wird. Die Recherche gilt einem jungen Japaner, der tatsächlich eine Gruppe von Menschen mit einem Messer tötete, anscheinend ohne jeden Grund. Unterstützt von dem Elektronik-Musiker Frank Schulte und dem Videokünstler Uli Sigg, lässt der Tänzer bewegte und bewegende Bilder erstehen, die kühl und sinnlich zugleich die Anatomie eines Mörders freilegen.

Aus einem röhrenden Hubschrauber stürzt ein Mann in die Tiefe. Ist es der gleiche, der kurz darauf im eleganten Sakko zu sehen ist? In einer kalten U-Bahn-Atmosphäre mit Linien, die ins Nicht zu führen scheinen, dehnt und streckt sich der Mann, der einsam und allein gelassen wirkt. Der Absturz aus dem Wolkenkratzer-Himmel scheint auf eine schwere Krise des Mannes hinzuweisen. Eben noch in einer Zen-Haltung, stürzt er immer wieder, rutscht und zappelt, versucht immer wieder, sich aufzurichten. Nach einem Moment der Ruhe kniet er sehr aufrecht, qualvoll wie halbgelähmt. Später kommen Bildprojektionen mit dem vormaligen Anzugträgers hinzu - der Mann war mal jemand, wird schnell deutlich.

Jetzt ist er ein Verlorener, Gequälter im T-Shirt, später mit nacktem Oberkörper. Computerspiele stürmen über ihn herein, lodernde Fantasien und Flammen, Waffengewalt und grausige Explosionen. Alles spitzt sich zu: Aus seinem T-Shirt wird eine Maske, über den Kopf gezogen. Wie ein Alien sieht er jetzt aus, oder wie ein Ninja in weißer statt schwarzer Vermummung. Die Ninjas («Verborgene») aus Japans vorindustrieller Zeit waren Kundschafter, Saboteure, auch Meuchelmörder und Attentäter.

Alarmierende Klänge verweisen auf den Horror der Verwandlung. Aus dem Burnout-Mann ist ein Shooter geworden, die Verzweiflung wird zur rasenden und doch kalten Wut. Die Opfer, in den Umrissen einer kriminaltechnischen Untersuchung zu erahnen, kümmern ihn nicht. Das Ende - wohl hinter Gittern - zeigt den Amokläufer recht ruhig. Den Ausbruch aus seinem inneren Gefängnis hat er längst hinter sich.

Tosender, kaum enden wollender Applaus und Jubelrufe für diese unglaubliche Vorstellung, für einen großen Tänzer.

GRIT SCHORN